Informationsdiät – ein Erfahrungsbericht

Bemühen Sie sich auch, jederzeit den Überblick zu behalten? Morgens Zeitung, Mittags Internet, Abends Tagesschau? Breaking News und Sportergebnisse per Push-Nachricht aufs Handy? Und dazu noch die Fachzeitschriften für Ihre Hobbies und für Ihren Beruf? Das Informationszeitalter verlangt unsere permanente Aufmerksamkeit. Wir müssen uns beeilen, um Schritt zu halten und alles mitzubekommen.

Die Welle an Informationen wird aber immer größer und es wird immer schwieriger auf ihr zu surfen. Im Mittelalter wusste man nur, was im Dorf passierte, alles andere war schlicht und ergreifend unbekannt. Später haben Tageszeitungen das wichtigste aus der bekannten Welt zusammengefasst, aber auch die Nachricht vom Untergang der Titanic im Jahr 1912 hat die Menschen erst am nächsten Tag erreicht. Heute sind wir in allen Kriegen und Katastrophen sofort live dabei und können uns bei Interesse auch über die Innenpolitik aller knapp 200 Staaten der Erde informieren.

Die größte Sorge des Menschen ist es, etwas zu verpassen. Und unser Gehirn spielt uns dabei einen Streich, der uns in kurzen Abständen immer wieder nach neuen Nachrichten forschen lässt. Denn wenn wir alle 30 Minuten Spiegel Online aufrufen, ob sich etwas Neues ereignet hat, dann werden wir häufig enttäuscht. Aber irgendwann gibt es tatsächlich etwas Neues, und das wird sofort mit Glückshormonen belohnt. Dieses kurze Glück möchten wir wieder und wieder erleben, also schauen wir regelmäßig nach. Diese Suche nach Informationen und der Wunsch gut informiert zu sein, kosten aber viel Zeit und Kraft.

Ich habe für mich daher die These aufgestellt: Es wird mir besser gehen, wenn ich KEINE Nachrichten mehr verfolge. Es wird meinen Kopf befreien, wenn ich ihn nicht mit Informationen belaste.

Was habe ich getan? Ich erhalte keine Tageszeitung und kaufe mir auch keine. Ich schaue keine Nachrichten im Fernsehen. Im Internet gehe ich auf keine Nachrichten-Seiten. Wenn im Radio Nachrichten kommen, schalte ich um – oder höre meine eigene Musik. Und das mache ich jetzt seit drei Monaten konsequent und ohne Ausnahme.

Meine erste und überraschende Erkenntnis: Ich verpasse nichts. Ich lebe nicht hinter dem Mond und ich komme weiterhin in der Welt zurecht. Meine Werte und Überzeugungen leiten mich durch mein Leben und sind Richtschnur für mein eigenes Denken und Handeln. Ich habe eine profunde Allgemeinbildung und genug Themen für Smalltalk.

Meine nächste Beobachtung: Es waren gar keine Nachrichten, die ich konsumiert habe. Das waren alles irrelevante Wortbeiträge von Wichtigtuern, für mich völlig unwichtige Diskussionen und primitive Boulevard-Unterhaltung. Als Beispiel gehe ich jetzt, wo ich diesen Artikel schreibe, auf Spiegel Online (und das bleibt hoffentlich die einzige Ausnahme). Was sind die aktuellen Schlagzeilen? Das Verhältnis der Partei AfD zu Journalisten, die Beschaffung von Kriegsschiffen ohne Ausschreibung, Demonstration von Kurden in Köln, ein Interview mit Günther Beckstein, der Liveticker zur Bundesliga, ein Portrait der amerikanischen Waffenlobby und so weiter. Ist hier irgendetwas Wesentliches passiert? Wurde irgendetwas Grundlegendes entschieden? Nein, das sind alles nur Beiträge, die eine große Leere zu füllen versuchen, um unsere Zeit und Klicks zu klauen.

Meine letzte Erfahrung: Wenn doch etwas richtig Wichtiges passiert, dann bekomme ich es auch ohne Nachrichten mit. Aber ich bleibe dabei viel entspannter. Den Abend des Amoklaufs von München habe ich bequem auf dem Sofa mit einem Buch verbracht und bin früh im Bett gewesen. Am nächsten Tag hat mich die Nachricht doch irgendwie erreicht, ich glaube es war an der Tankstelle der beiläufige Blick auf die Schlagzeilen der Tageszeitungen. Und dann habe ich dort eben die ersten drei Zeilen gelesen und fertig. Und wäre es nicht die Zeitung an der Tankstelle, dann hätten spätestens am nächsten Arbeitstag die Kollegen alle davon gesprochen. Aber ich habe eben nicht den ganzen Abend vor dem Fernseher gehockt, parallel den Liveblog im Internet gelesen und auf meinem Smartphone alle zwei Minuten den Twitter-Kanal aktualisiert.

Mein Fazit zur Informationsdiät fällt positiv aus: Ich verpasse nichts. Es waren letztendlich keine Nachrichten. Das wirklich Wichtige erreicht mich trotzdem. Ich werde weiter abstinent und entspannt bleiben.

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2 Gedanken zu “Informationsdiät – ein Erfahrungsbericht

  1. Ich glaube halt -ohne Nachrichten- oder Fachmagazine leidet mit den Jahren die Allgemeinbildung und Small Talk Fähigkeit. Ich habe mir jetzt das Arte Programmheft in Papierform abonniert, damit ich auf interessante Dokumentationen stosse, die ich dann auch ggf. in der Mediathek nachschauen kann. So lösche ich auch Wissensdurst.

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